Die angebotene Tour von Michael Piotrowski versprach eine anstrengende, dafür aber eine genussreiche Tour zu werden. Ein Schmankerl für Hochtourengeher, 4000’er zum Einsammeln — als würde man im Herbst auf Pilzsuche gehen.

Tag 1: Als Fahrgemeinschaft fahren Rüdiger Bauer, Michael Piotrowski und Gabor Koppanyi ins Mattertal nach Grächen. Weiter geht es mit dem Zug nach Zermatt. Hier bedienen wir uns einer Anstiegshilfe und benutzen die Seilbahn hoch zum Klein Matterhorn. In der Talstation geben wir vorher Bescheid, dass wir die Übernachtungsgäste im Lodge-Matterhorn sind. Oben angekommen werden wir auch schon sehnsüchtig empfangen und eingewiesen. Danach verlässt das Personal den Berg mit der letzten Gondel. Gegen 16:00 Uhr sind wir mit anderen Gästen allein in der Lodge. Das vorgekochte Essen macht man sich in der Mikrowelle warm und zum Trinken holt man sich O-Saft, Tee, Kaffee oder Schoko. Ein großer Aufenthaltsraum, moderne Sanitärräume und WLAN sind im Preis inbegriffen. Doch vor dem Abendessen vertraten wir uns noch die Beine und besuchten die Aussichtsplattform des Klein-Matterhorns und genossen das Panorama „Eiswüste“ und „Matterhorn“.

Tag 2: Nach einem ausgiebigen Frühstück starten wir früh morgens zur Breithornüberschreitung von Ost nach West. Also mussten wir erst die Gletscher Kleinmatterhorn, Breithornplateau und Grande Ghiacciaio di Verra queren. Nähe Schwarztor steigen wir in den Felsen ein. In leichter Kletterei bis Stufe 3 überschreiten wir unsere ersten 5 Gipfel auf dieser Tour, mit darunter Roccia Nera (4.075m), Breithornzwillinge (östlicher Zwilling / Gendarm 4106 m & westlicher Zwilling 4139 m), Mittelgipfel (4159 m) und Breithorn Hauptgipfel (4.164 m). Natürlich ist viel Gratwandern im Firn und Fels mit dabei. Nach dem vielen Auf und Ab, auch mit einigen schönen Abseilpassagen, kehren wir bei schönstem Sonnenschein über den Kleinmatterhorn-Gletscher wieder in der Lodge ein.
Am Abend nach dem Abendessen müssen wir neue Pläne schmieden. Rüdiger fühlt sich nicht gut akklimatisiert und möchte lieber eine kleine Unternehmung vom Schwarzsee zur Hörnlihütte machen. Die übrigen Beiden müssen sich zusätzlich noch Gedanken über das heranziehende Tief machen. Dank guter Internetverbindung und Recherche auf vielen Wetterdienstseiten kristallisieren sich die beiden Folgetage als noch Hochtourentauglich heraus; wobei für den zweiten Tag mit ersten Vorboten des annähernden Tiefdruckgebietes zu rechnen ist.
Nach reichlich Überlegung beschlossen wir so viel wie möglich in den dritten Tag zu packen und den vierten Tag als Abstiegstag zu nutzen. Gedanklich nahmen wir Abschied von den weiteren Viertausendern wie der Zumsteinspitze, Signalgruppe, Parotspitze, Ludwigshöhe, Vincent-Pyramide und Dofourspitze. Dafür packten wir den Pollux, Castor und Lyskamm in unser Tagesprogramm mit Endziel Monte-Rosa-Hütte. Castor und Pollux , bzw. im Altgriechischen Kastor & Polydeukes, sind ein mythisches Zwillingspaar der Antike.

Tag 3: Der Wecker geht um 2:00 Uhr (wessen Idee war das nochmals?), Frühstück und sich fertigmachen. Um 3:00 Uhr stehen wir startklar vor dem Rolltor des Kleinmatterhorntunnels. Im Prinzip leuchten uns die Stirnlampen den gleichen Weg wie am Vortag zur Breithornüberschreitung. Gegen 5:40 Uhr stehen wir auf dem Pollux (4091 m) und genießen den Sonnenaufgang. Der Aufstiegsweg verläuft über ein steiles Firnfeld. Der Abstieg führt an der Madonnastatue vorbei, in deren Nähe sich die Ketten zum Abseilen befinden und an denen wir uns runter hangelten. Etwa 150 Hm unter dem Gipfel hatten wir ein Rucksackdepot eingerichtet um etwas Kraft für den restlichen Tag zu sparen. Nach einer kurzen Pause machten wir uns zum weiteren Abstieg Richtung Castor. Jetzt begegneten uns die ersten Mitbergsteiger. Richtung Gipfel zum Castor (4226 m) waren bereits zwei Gruppen vor uns. 50 Hm unterhalb des Gipfels gab es heute Morgen eine Schlüsselstelle. Durch die starke Sonnenstrahlung am Vortag und anschließende runter Kühlen in der Nacht war eine mächtige Eisplatte entstanden. Eine Gruppe drehte unter diesen Umständen um. Bestimmt versuchen sie es am Nachmittag, wenn es getaut hat und die Platte griffig ist es erneut. Die zweite Gruppe mit ca. 6 Leuten am Seil und einem Bergführer war vor uns, bzw. nachdem Michael die Eisplatte parallel geklettert war, hinter uns. Ich sicherte Michael unten mit einer Eisschraube und er wiederrum mich oben mit einer Eisschraube. Gut gesichert war es kein Problem sich im Eis hoch zu hacken. Der Bergführer hatte mit seinen Anvertrauten sichtlich viel zu tun, entsprechend war auch seine Laune.
Gegen 8:00 Uhr standen wir auf dem Gipfel und machten die erste größere Pause. Aus der anderen Richtung kamen uns bereits zwei Gruppen entgegen. Ein stark frequentierter Berg.
Der Abstieg nach Westen verlief über einen Grat. Den Blick nach vorne gerichtet sah man den Lyskamm, mit seinem nicht enden wollenden Bergkamm. Der Lyskamm war kaum frequentiert, eine Gruppe war vor uns bereits am Gipfel. Wir folgten. Der Lyskamm hat zwei Gipfel, den Ost- (4.527 m) und Westgipfel (4.480 m), die über einen Kilometer auseinanderliegen. Von dort oben konnten wir unser Tagesziel, die Monte Rosa-Hütte sehr gut erkennen – tief unten auf der anderen Seite des Grenzgletschers. Auch das Matterhorn war nun viel weiter weggeruckt und verlor schon an seiner Dominanz.
Der Abstieg war steil und durch die Sonne bereits aufgeweicht. Nun waren wir auf dem fast ebenen Firnfeld, am Lisjoch, angekommen. Hier stärkten wir uns und unterhielten uns kurz mit der Schottisch-Brittsich-Irischen Gruppe die Richtung Gnifetti-Hütte abstieg. Wir mussten in die andere Richtung, erst ein Stück hoch Richtung Nordosten um auf den Grenzgletscher zu kommen. Schade, so greifbar nah die weiteren Viertausender, die wir auslassen.
Gegen 13:30 Uhr waren wir auf dem Grenzgletscher. Auf dem oberen Teil des Gletschers war gutes Laufen möglich, doch unterhalb 3500 Meter war er stärker zerklüftet und darüber durch die Hitze auch noch stark angetaut. Selbst auf dem gut ausgetrampelten Gletscherpfad brachen wir bis zur Hüfte durch bzw. versanken im Schneematsch. Michael tänzelte gefühlvoll auf der weichen Eisschicht. Da wo er nicht einbrach, brach ich ein. Da wo er einbrach, suchte ich mir einen anderen Weg, mit mehr oder minder Erfolg. Nach einer Stunde auf dem Eis hatten wir endlich Festland erreicht. Die erstbeste Gelegenheit nutzten wir um Steigeisen und die Rucksäcke auszuziehen und uns auf einem aufgewärmten Felsen zum Ausruhen nieder zu lassen. Nach einer erheblich längeren Rast machten wir uns wieder in der Felslandschaft auf zur Monte-Rosa-Hütte. Gegen 16:30 Uhr bezogen wir Quartier, hydrierten uns mit 1-2 Bier und genossen die Aussicht auf die Berge Lyskamm, Castor und Pollux. Was für ein herrlich harter Tag.

Tag 4: Es hatte über Nacht leicht geregnet. Alle größeren Gipfel sind in Wolken gehüllt, ansonsten ist es relativ windstill.
Der weitere Abstieg führte über den Grenzgletscher zur Gornergratbahn. Hier bestand die Übung ohne Steigeisen runter zu kommen (wir hatten keine Lust sie anzulegen) – machbar, aber besser ist mit. Die Randkluft musste mit einem ca. 10 m langen Holzsteg überwunden werden. Anschließend mussten noch 30-50 Hm über zwei lange Metallleitern überwunden werden, um auf den Wanderweg die zur Gornergratbahn Bergstation führt zu kommen.
Unten in Zermatt angekommen trafen wir wie vereinbart auf Rüdiger. Er hatte die Hörnlihütte besucht und berichtete über merkwürdige Essgewohnheiten – Sushi in Plastik –.
Mit dem Zug ging es dann zurück nach Grächen und von dort mit dem Auto direkt nach Hause. Dass wir Saubermänner uns vorher noch am Bahnhofsbrunnen wuschen ist selbstverständlich.

Eine Tour die in Erinnerung bleibt.

Bericht: Gabor Koppanyi