Eindrucksvolle Weitwanderung: Jeder darf ein bischen verrückt sein…

Gut vorbereitet, erwartungsfroh und in bester Wander-Laune starteten wir am Samstag, 23. Juni, um 15.05 Uhr in Maikammer auf unsere Weitwanderung. Wir 11 Teilnehmer wollten 81,4 km von Maikammer über Taubensuhl, Elmstein, Esthal und Lambrecht zurück nach Maikammer marschieren. Wir planten dafür etwa 20 Stunden ein, also eine Tour durch die Nacht. Wir, das sind Carsten und Corinna (Teilstrecke), Claus, Gunter, Inge, Lothar, Peter, Silvia, Thomas, Ulrike und Wanderleiter Stefan.

Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite: die Sonne schien nicht zu stark, es war ca. 21 Grad, und kaum ein Windchen wehte. Jeder von uns trug nur einen leichten Rucksack, denn Hans Gemar würde uns an den vier Rast-Stationen in Taubensuhl (nach 23 km), Elmstein (nach 37,5 km) und Lambrecht (nach 56 km und 67 km) mit Essen und Trinken versorgen. Zudem konnten wir in seinem Wagen Kleidung und Schuhe zum Wechseln deponieren. Auch übernahm er den Bereitschaftsdienst, falls einer von uns nicht mehr weiter laufen könnte. Also, alles war bestens organisiert, das spürte ich nicht erst jetzt, sondern bereits lange vor der Tour: Z. B. hatte sich Stefan darum gekümmert, uns im Vorfeld der Tour anzusprechen und für die vom DAV angebotenen Weitwanderungen zu motivieren … sozusagen als Trainingseinheiten fürs Team. Daher sah ich einige DAV-Mitglieder nach längerer Zeit wieder und lernte schon jetzt weitere Mitläufer näher kennen.

Nun also geht´s los. Wir gehen die gesamte Tour gemeinsam. Vor mir lachen Inge und Lothar, neben mir läuft Claus, den ich über Pflanzen am Wegesrand befrage. Inge geht in kurzen Hosen. Trage ich als einzige Turnschuhe? Nein, Gunter und Silvia auch. Na, dann kann´s so falsch nicht sein, die zwei meisterten die Weitwanderung von 65 Km letztes Jahr erfolgreich…in Turnschuhen, wie ich erfahre. Es geht bergauf, bergab, vorbei an Orten und Wiesen, durch Kastanienwälder, in denen es wunderbar nach Blüten duftet. „Das rieche ich so gern“, bemerkt mein Mitläufer. Ich grinse nur.

Der Laufschritt ist mit 4,5 km Stunde angegeben. Irgendwie kommt es mir zügiger vor. Mit „alles bestens!“ bestätigen wir einheitlich Stefans Frage nach dem Tempo und Befinden. Weil wir so gut in der Zeit liegen, schon in 613 m Höhe und überhaupt so gut gelaunt sind, legen wir in dem idyllisch im Wald gelegenen Forsthaus Heldenstein nach 17 km eine Rast ein. Die freundliche Wirtin setzt ihre bereits gereinigte Kaffeemaschine in Gang und bewirtet uns mit Kaffee, Kuchen und Apfelschorle. Bald geht´s weiter in Richtung Taubensuhl, vorbei am „Fresswasen“, einer schön gelegenen Hütte, wo Carsten vor Jahren eine 3-tägige Party feierte. Über die Logistik, Essen und Trinken hierher zu schaffen, klärt er mich lachend auf.

Plötzlich treten wir aus dem Wald auf eine kleine Freifläche: Taubensuhl. Hey, welch eine Überraschung! Ein richtiges Buffet hat Hans aufgebaut, viel mehr als nur eine Rast. An frischem Obst, Gemüse, Brötchen und herzhaftem Belag stärken wir uns. Dazu Wasser und Apfelsaftschorle. Toll! Während der Pause, spüren wir die ersten abendlichen Winde. Inge zippt ihre lange Hose an, einige andere ziehen sich etwas Wärmeres über. Bevor wir weitergehen, bestätigt Thomas uns nach einem Blick auf seine Uhr, dass unser durchschnittliches Tempo etwa 5.1 km /Stunde betrug. Also besser als geplant.

Ab jetzt gehen wir nur noch durch den Wald, bis wir in Iggelbach eintreffen. Irgendwie gleiten wir in dieser Zeit von der Abend- in die Nachtstimmung hinüber: Es wird immer stiller im Wald, nur die Vögel singen noch bis auch sie verstummen. Es wird langsam dunkel. Etwa gegen 22.10 Uhr marschieren wir über einen breiten Waldweg und werden auf einige Glühwürmchen aufmerksam. Es werden immer mehr. Am Ende des Waldwegs – nach einigen 100 Metern – sind wir sicher, hunderte Glühwürmchen gesehen zu haben. Ein außergewöhnliches Erlebnis. Irgendwann biegen wir links ab, einen schmalen Steig hinunter nach Elmstein. Schon von ferne leuchten uns die dicken Kerzen entgegen, die Hans auf dem „Buffet“ aufgebaut hat. Was für eine schöne Idee!

Nach halbstündiger Erholung marschieren wir weiter über Esthal, das wir um Mitternacht erreichen und Erfenstein, das wir um 1 Uhr passieren. In den Örtchen ist es ganz still, nur ab und zu fährt ein Wagen durch die Straßen. Eine seltsamer Gedanke, mitten in der Nacht durch schlafende Dörfer zu marschieren. Irgendwie verrückt, lacht Lothar. Irgendwann gehen Inge und ich einige Zeit voraus, bis Stefan aufholt und ziemlich sicher ist, dass die Richtung nicht mehr stimmt: „Wir kehren um und suchen unser Wanderzeichen.“ Das ist gut so, denn erst nach einigen 100 Metern finden wir es wieder. Es ist versteckt angebracht und deutet den Weg tatsächlich in eine andere Richtung. Glück gehabt! Doch nun sind wir wieder „in der Spur“ und auf dem Weg nach Lambrecht, wo wir um 2.30 Uhr eintreffen. In Erfenstein musste sich Silvia wegen Knieproblemen verabschieden, in Lambrecht schied Thomas überraschend aus.

Hier in Lambrecht genießen wir wieder die Rast, ruhen uns ein wenig aus, plaudern, lachen, essen und trinken. Dieser Rastpunkt mitten in der Dunkelheit erfüllt irgendwie auch eine psychische Funktion, finde ich: Immerhin sind wir schon 56 km gelaufen, nur noch 28,5 sind zu marschieren. Eigentlich sieht man den anderen die Anstrengung nicht an.

Stefan verkündet: „In fünf Minuten geht´s weiter!“ Aha, bereit machen, zu Ende trinken, Rucksack aufsetzen, sich selbst prüfen. Ja, alles ok. Und los geht´s. Wir gehen durch Lambrecht, steigen 400 Hm auf Richtung Burgruine Neidenfels und zurück nach Lambrecht. Diese schöne 11 km-Runde führt uns wieder in den Tag hinein. Die ersten Hundebesitzer führen ihre Lieblinge aus, manch einer hastet schon in Richtung Bahnhof. Zurück am schon bekannten Rastpunkt, muß ich leider aussteigen. So lasse ich mir von den nun folgenden 17,5 km im Nachhinein erzählen.

Die 6 Wanderer sind einstimmig der Ansicht, dass es diese Etappe in sich hat. Denn hier spürte jeder die Anstrengung der bereits gelaufenen 67 km. Zudem gilt es, 625 Hm zu überwinden. Die Strecke führt über drei Hügel, zum Naturfreundehaus Neustadt, über die kleine Ebene zur Kaltenbrunnerhütte, übers Finstertal und den Parkplatz Hüttenhohl zum Parkplatz Hahnenschritt. Dann stets bergab zum Ziel, der Klausentalhütte in Maikammer. Endlich – um 10.45 Uhr – ist sie in Sicht. Die gesamte reine Laufzeit der Eintreffenden betrug 16,5 Stunden, 1912 Hm haben sie geschafft.

Mit großem „Hallo“ begrüßen Hans und ich die Finisher, als sie erschöpft aber guter Laune auf der Terrasse erscheinen. „Gigantisch“, lacht Lothar „und verrückt“, fügt Inge hinzu. Peter grinst nur noch, Claus ißt friedlich einen Kuchen. Gunter prüft erst einmal die Daten auf seiner Sportuhr. Stefan gönnt sich erst einmal eine Schwarzwälder Kirschtorte … vermutlich freut er sich über den erfolgreichen Abschluss dieser eindrucksvollen Tour und sportlichen Herausforderung.

Ulrike Hoffrichter