Um 4:15 Uhr reisst mich der Wecker aus einem schönen Traum, die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft hätte doch gegen Japan gewonnen. Die Realität holt mich bald wieder ein. Es ist Sonntag früh. Um 5 ist Treffpunkt am Mitfahrerparkplatz in Queichheim. Ich hasse frühes Aufstehen. Warum tue ich mir das nur an?

Die Truppe ist pünktlich und wirkt munter. Die beiden Autos werden weitgehend zügig beladen. Chrissi braucht Spielraum um zu selektieren, was aus ihrem Kofferraum voll Gerümpel vom Mittelalterlichen Markt am Vortag alles mit soll. Das Kettenhemd lässt sie Gott-sei-Dank zurück. Marschverpflegung in Unmengen verschwindet im Kofferraum. Verhungern wird bei uns also keiner.

Die Autobahn ist weitgehend frei. Die Rückbank verwandelt sich in ein Schlafabteil bis kurz vor Garmisch. Eugen entpuppt sich als perfekter Beifahrer, er schläft wenig, ist immer unterhaltsam und kennt die Strecke aus dem FF. In der Pause versucht sich Chrissi als Kaffeesatzleserin, aber ohne Buch und ohne den Schutz des  Kettenhemdes traut sie sich doch nicht alle Deutungen weiterzugeben. Es geht munter weiter. Von Garmisch bis Brixen teilen die drei lebenserfahrenen Männer ihre Beziehungsweisheiten mit Chrissi, die sich artig bedankt.

Dann der Schreck kurz vor Clausen, Sella und Grödnerpass sind wegen Radrennen gesperrt. Eugen weiss sofort Rat. Wir müssen durchs Fassatal über Bozen. Nach 8-1/2 Stunden sind wir am Ziel: Lago di Fedaia. Das Vorauskommando mit dem dritten Fahrzeug ist schon da. Das Wetter ist gut. Der Berg steht direkt vor uns. Jetzt weiss ich wieder warum ich mir das antue. Sonne, klare Luft und ein atemberaubender Rundumblick. Wir machen uns gemütlich an den Aufstieg zur Hütte.

Das Rifugio Pian dei Ficconi liegt auf 2626 m Höhe. Wir hätten auch den altmodisch anmutenden Steh-Lift nehmen können, für die Akklimatisierung war der Aufstieg aber besser. Die Hütte macht einen guten Eindruck. Der Gastraum ist hell. Eine 180 Grad Fensterfront gibt genügend Licht. Das Panorama ist grandios, eine „Ein-Millionen-Euro-Aussicht“ auf das Sella-Massiv und den Langkofel. Diese erscheinen im gleissenden Nachmittagslicht zum Greifen nah. Die Zimmer sind sauber und die Matrazenbreite so, dass man nicht ständig mit seinem Nebenmann in Löffelstellung kuscheln muss.

Dann der Schreck, Toilette und Dusche bestehen aus einer einzigen Tasse mit einem großen runden Loch. Die gute Nachricht kommt etwas später, es findet sich auch noch eine normale Toilette neben dem Gastraum. Die Konversation mit dem italienischen Hüttenpersonal findet in gebrochenem Englisch statt. Aber auch das ist für den DAV Landau natürlich kein Problem.
Nach Bier, Kartenspiel und intensiven Gesprächen geht es pünktlich um 10ins Matratzenlager.

Um 7 Uhr, lange bevor der erste Lift größere Scharen den Berg hinaufbefördert, gehen wir los. Wir sind 13, Marita, Richard, Wolfgang, Andrea, Corinna, Carsten, Herrmann, Barbara, Claudia, Eugen, Christina, Mark und Gerd. Das Wetter ist ideal, ein Wechsel von Sonne und Wolken. Wir folgen zunächst der Alta Via Dolomiti 2 abwärts um dann zur Forcella d. Marmolada auf 2910 m über Schneefelder aufzusteigen. Hier beginnt der Klettersteig, der uns vorbei an alten Stellungen des Ersten Weltkriegs
400m weiter nach oben bringt. Meist nicht einfach, manchmal ausgesetzt und kräfteraubend fordert er von allen Teilnehmern seinen Tribut. Respekt vor der Leistung der Teilnehmer, die zum erstenmal überhaupt einen Klettersteig bezwingen.

Nach weiteren rund 100m Gletscheranstieg erreichen wir gegen Mittag den Gipfel: Punta Penia 3343 m. Wir sind die Ersten, die über den Klettersteig raufkommen. Es sind aber schon einige wenige Seilschaften über den Gletscher vor uns eingetroffen. Nach Gipfelfoto mit Kreutz und einem Blick hinüber zum Alpenhauptkamm geht es zu einem nahegelegenen hässlichen grauen Klotz, der sich als bewirtschaftete Hütte mit warmen Malzeiten empfiehlt.

Aufgeteilt in zwei Seilschaften unter Führung von Mark und Carsten geht es über den Gletscher zurück. Die erste Strecke geht noch ohne Steigeisen. Der Schnee ist weich. Dann kommt ein Stück Felsabstieg. Danach geht es wieder auf den Gletscher. Diesmal wird es steiler, sodass wir vorsorglich die Steigeisen anlegen. Rücksichtnehmend auf weniger erfahrene Teilnehmer lassen wir uns mit dem Abstieg Zeit.

Zur besonderen Freude von Claudia und Barbara machen wir auch noch einen kleinen Abstecher zu Spalten und Eisplatten. Aber Spaltenerfahrung ist offenbar doch nicht jederfrau’s Sache.  Wohlbehalten erreichen wir am Nachmittag wieder unser Domicil. Es war eine wunderschöne Tour, mittelschwerer Klettersteig mit leichtem Gletscher. Die Gruppe hat gut harmoniert. Es hat wirklich Spaß gemacht.

Nochmal in die Berge? Gewiss, immer wieder, auch wenn’s früh losgeht!

Gerd Löhr