Es ist Sonntag 11.30 Uhr. Mit der Schaubach-Seilbahn schweben wir von Sulden in Richtung Mittelstation auf rund 2200 m. Bis eben war ich noch guter Laune. Die Anfahrt hatte gut geklappt, Herrmann hat mich zwischendurch als Fahrer abgelöst, sodass ich ausgeruht ankam. Die Gruppe ist nett und versteht sich von Anfang an. Aber meine Gedanken weilen noch beim Kauf des Seilbahntickets, mein erstes Seniorenticket. Das erste mal Seniorenrabbatt! Fehlt nur noch, dass mir jetzt jemand einen Sitzplatz anbietet.

Ich schaue mich um, ich bin nur der Drittälteste. Richard und Karl sind auch dabei. Die sind topfit, aber ich auch. Meine Laune hebt sich langsam wieder.

Um uns zu akklimatisieren wandern wir von der Mittelstation aus zur Bergstation Schaubachhütte auf 2581 m. Hier wartet Andrea auf uns. Sie hat sich bereits seit gestern mit Südtiroler Gaumenfreuden an die Höhe angepasst. Nach kurzer Rast gehen wir Richtung Gletscher. Nach der Beschreibung aus „Hochtouren Ostalpen“ liegen 3 Stunden und 795 Höhenmeter Aufstieg zur Suldenspitze (3376m) vor uns, inklusive 15 Minuten Abstieg zur Casati Hütte auf 3254 m. Also eine überschaubare Sache. Am Gletscher teilen wir uns in zwei Seilschaften auf. Die erste Seilschaft wird vom Tourenleiter Wolfgang Brunke (Mark Seither hatte wegen Achillesproblemen absagen müssen) geführt. mit Steffen, Franz, Bodo, Harry und Richard, die zweite Seilschaft führt  Andrea gefolgt von Gerd, Edwin, Karl und Herrmann.

Nach einem steileren Stück Gletscherhang kommen wir in spaltenreicheres flaches Gelände. Eine Vierergruppe begegnet uns im Abstieg ohne Steigeisen, Seil oder Pickel.“Wo kommen die denn her?“ Im Spaltenslalom arbeiten wir uns vorsichtig vor. Etwa 50m über uns kommt uns eine Zweiergruppe im Eilschritt entgegen. Plötzlich rutscht der Vordere bis zu den Achseln in eine Spalte. Sein Hintermann folgt ihm rasch und verschwindet komplett im Eis. Es dauert einige Minuten bis wir die Stelle erreichen. Der Erstgestürzte hatte sich schon wieder aus der Spalte befreit. Den Zweiten holte unsere erste Seilschaft dann mit vereinten Kräften aus dem Loch. Mit einem Mille Gracie verschwinden die beiden in Richtung Tal. Sehr lehrsam, der Berg fordert Respekt und die richtige Ausrüstung.

Kurze Zeit später überholt uns eine Vierergruppe mit sächsischem Dialekt. Ohne Seil und offenbar mit dem Bruder Leichtsinn im Gepäck. Auf unseren Hinweis auf das Erlebte seilen sich zumindest die hinteren Drei zusammen, während der Leitwolf heftig winkend voranstapft. Die Lage spitzt sich weiter zu. Eine Zweierseilschaft kommt eilig herab um an einer großen Spalte zu rufen und zu suchen. Dann kommen sie auch schon wieder hoch um an einer Spalte vor uns hinein zu rufen. Eine andere Zweierseilschaft dieser Vierergruppe war kurz vorher unter dem Eis verschwunden. Das vorhandene 20m Seil reichte nicht aus, um die Verschollenen zu bergen. Zudem liefen die beiden obenGebliebenen nun ohne Seil um die Spalte herum, unterstützt vom heftig gestulierenden sächselnden Leitwolf, der sich inzwischen ebenfalls an der Spalte eingefunden hatte, immer noch ohne Seilsicherung!

Unser Tourenführer übernimmt das Kommando und bringt  Ruhe in die Situation. Ja, es gibt Kontakt, ja die Verunfallten sind handlungsfähig. Unsere zweite Seilschaft rückt neben die erste vor. Die erste Seilschaft macht sich am 2.Seil fest, sodass das erste Seil für die Bergung frei wird. Etwa 20m Seil werden abgelassen, bis sich der erste Spaltenstürzer festmachen kann. Mit gemeinsamen Kräften ziehen wir ihn Schritt für Schritt der Oberfläche näher. Es vergeht viel Zeit. Das Seil hat sich ins Eis geschnitten, sodass der Verunfallte unter der Eisdecke hängt. Wolfgang tut das Richtige. Er beauftragt die sächsische Seilschaft oberhalb der Spalte eine Eisschraube zu setzen und von der Gegenseite die Bergung zu unterstützen. So waren die wenigstens beschäftigt und der Leitwolf konnte nicht weiter stören. Der Verunfallte kommt nass und am Kopf blutend an die Oberfläche. Der Hintermann seiner Zweierseilschaft war ihm ungebremst nachgestürzt und hatte mit den Steigeisen seinen Kopf getroffen. Er wird notdürftig versorgt. Die Bergung des Zweiten läuft analog in 10 Minuten. Händeschüttelnd dankend und mit Mille Gracie verschwindet die Vierergruppe in Zweierseilschaften in Richtung Tal.

Nichts dazugelernt? Oder nur eine regionale Angewohnheit?

Beim weiteren Aufstieg denke ich noch lange über das Erlebte nach. Nur gut, dass wir Spaltenbergung regelmäßig trainieren und entsprechend ausgerüstet sind.

Um 19:30 Uhr erreichen wir die Casati Hütte. Seit der Bergungsaktion verlief der Aufstieg vorsichtig aber kontinuierlich über den Steilhang unter der Suldenspitze. Den Gipfel nahmen wir im Vorbeimarsch. 7 Stunden statt 3, wo war die Zeit geblieben? Hatten die Bergungen soviel Zeit verbraucht? Es gibt noch eine warme Gemüsesuppe. Erschöpft fallen wir früh ins Bett.

Wir lassen uns am Montag früh mit dem Aufbruch Zeit. Die Überschreitung des Monte Cevedale und Palon de la Mare mit Abstieg zur Branca Hütte ist im o.g. Buch mit 6 1/2 Stunden angegeben. Der Gletscher lässt einen weggetreuen Aufstieg zu. Als „Faulenzerberg“ gebranntmarkt, fordern die steileren Stellen trotzdem gute Kondition. Um 11:15 Uhr erreichen wir den Gipfel. Nach kurzer Rast steigen wir unweit des Grats Richtung Monte Rosoleab. Eine Zweier-Seilschaft ist vor uns und überschreitet den kurzen Bergrücken des Monte Rosole in 30 Minuten. Wir folgen mit etwas Abstand, müssen aber wegen schwierigerer Kletterstellen abbrechen. Über eine Schutthalde gelangen wir unterhalb des Monte Rosole zurück auf den Gletscher. Die Aktion hat sehr viel Zeit gekostet, da sich nicht alle Teilnehmer sicher auf Fels und Schutt bewegen.

Der Aufstieg auf den Palon de la Mare ist abwechslungsreich. Nach Spaltenslalom im unteren Bereich folgte ein stetiger Aufstieg im Schnee bis hin zum schön geschwungenen Gipfelrücken. Wir kommen trotzdem nur langsam voran, viel zu langsam. Das Auf und Ab hatte Einigen stark zugesetzt. Um 15:00 Uhr leichtes Donnergrollen aus großen Höhen. Am weitgehend blauen Himmel ziehen weiße und vereinzelt schwarze Wolken, die sich  offenbar in unterschiedlichen Höhen bewegen und ihre Spannung untereinander entladen. Um 17:30 Uhr passieren wir endlich die Gipfelmarkierung (3703m). Jetzt nur noch absteigen. Zum Abendessen wird es nicht mehr reichen, aber es besteht Hoffnung noch im Hellen anzukommen.

 

Wir suchen ein wenig, bis wir den Abstiegsweg im Geröll finden. Nach weniger als hundert Metern heisst es wieder Steigeisen an. Karl hat seine Eisen anbehalten, da sich eine Schuhsohle vom Vorderfuß komplett gelöst hat. Im Fels haben wir diese mit Tape geflickt, aber das hat nicht lange gehalten. Karl hält wacker durch. Es geht zunächst gemächlich den Gletscher hinab. Der Normalweg folgt dann einer Linkskurve nach Süden von wo es einige Gletscher-km abwärts über einen Bergrücken zur Hütte geht. Ein gewaltiger Gletscherbruch versperrt diesen Weg. Wir umrunden die kritische Stelle weitläufig und finden schliesslich einen Eissteg entlang des westlichen Gletscherbruchs.

Es folgt ein steiler Abstieg auf Eis und Geröll, nass und schmutzig und erneut viel zu langsam. Um 20:00 Uhr erreichen wir leichteres Gelände. Eis, wenig Spalten und gut zu gehen. Wir folgen dem Gletscherband eine lange Stunde, verlieren aber nur langsam an Höhe. Nebelwolken verfolgen uns vom Gipfel kommend. Noch haben wir im Dämmerlicht genügend Sicht. In der Ferne mehrt sich Donnergrollen. Wolfgang behält die Übersicht. Alle müssen sicher ans Ziel gebracht werden. Als um 21:00 Uhr die volle Dunkelheit über uns hereinbricht, wechseln wir vom Gletscher auf den Bergrücken und gelangen nach 20 quälenden Metern auf den Weg ins Tal.  Mein Höhenmesser zeigt 3100 m an.

Im fernen Westen entlädt sich ein imposantes Inferno von Blitz und Donner. Die Entscheidung zwischen Biwackieren oder Nachtwanderung fällt daher eindeutig aus, Steigeisen aus, Stirnlampen an. Der Pfad hebt sich im Lampenlicht sandfarben hell von der Umgebung ab. Noch nie habe ich dieses lästige Ding, dass im Rucksack nie den richtigen Platz findet, so bewundert. 3 kleine LED’s reichen aus, um aus einer gedrückten Stimmung  einen optimistischen Neu-Aufbruch zu machen. Die Gruppe hat perfekt funktioniert, kein Murren oder Jammern, trotz aller Rückschläge nur positive Einstellung. Um 23:00 Uhr erreichen wir die telefonisch vorinformierte Hütte. Es gibt ein warmes Abendessen und dazu eine Speck- und Käseplatte.

Entgegen der Ursprungsplanung gönnen wir uns am Dienstag einen Tag Erholung. Einige um das Erlebte aufzuarbeiten, andere um eine verhärtete Muskulatur aufzulockern und Karl um seine demolierten Schuhsohlen zu flicken. Schliesslich braucht er die Schuhe noch für den Rückweg. Respekt: Karl hat die gesamte Nachtwanderung mit Steigeisen gelaufen. Das war sicherer als mit – inzwischen beidseitig – klaffenden Sohlen. Man sah ihn den ganzen  Dienstag mit seinen Schuhen beschäftigt. Mal trug er sie zum Trocknen in die Sonne, mal in den Trockenraum, mal reinigte er die Ritzen. Am Abend brachte Sohlen-Karl den Kleber auf und man sah die gequälten Schuhe unter einem zentnerschweren Felsbrocken auf der Terasse gesunden. Inzwischen war ihm auch aufgefallen, dass er keine Einlegsohlen dabeihatte. Womit sich die populärwissenschaftliche Frage stellt, ob da ein Zusammenhang mit der Ablösung der Sohlen besteht. Kann Fußschweiß Kleber auflösen?

Der größte Teil unserer Gruppe stieg über einen wunderschönen Pfad entgegen den Touristenströmen hinab zur Forni Hütte, gönnte sich ein richtiges Mittagessen und arbeitete den Vortag auf. Fazit: Man möchte die Erfahrung nicht missen, das Erlebnis braucht aber keiner noch mal.  Auch wird klar, daß die Zeitangaben im Tourenbuch unrealistisch sind.

Der geplante Aufstieg zum Punta San Matteo entfiel, zumal uns andere Gäste von ihren Besteigungsversuchen am Vortag berichteten. Eine gewaltige Spalte hatte das Gipfelerlebnis verhindert.

Am Mittwoch machen wir uns auf den Rückweg zur Casati Hütte. Mit etwas Wehmut verabschieden wir uns von der freundlichen Komforthütte Branca. Bequeme Betten, Dusche, Sauberkeit, 3-Sterne Essen müssen wir eintauschen gegen eine klamme 3200 m Herberge.

Ein heisser Sonnentag kündigt sich an. Unsere „Cremeboys“ Franz, Steffen und Edwin, die jede Pause nutzen ihren Teint zu pflegen, tragen doppelte Sonnenschutz-Portionen auf.

An der Pizzini Hütte treffen wir auch Richard wieder, den wir am Montag wegen Unpässlichkeit auf der Casati zurücklassen mussten. Sein Spiel auf der Mundharmonika eint uns sofort. Der Aufstieg zur Casati Hütte wird steil. Herrmann eilt uns wie immer weit voraus, obwohl er immer das Seil für uns trägt. Training sagt er und denkt an seinen 110km Ultralauf am Mont Blanc nächste Woche. Herrmann, viel Glück und Erfolg dafür.

Nach einer Sturm- und Regen-reichen Nacht kehren wir am Donnerstag in 2 1/4 Stunden zur Schaubachhütte zurück. Der Gletscher hatte sich erneut verändert. Aber Wolfgang fand wie zuvor einen sicheren Weg.

Mit einem Kaiserschmarren in der Schaubachhütte endet diese spannende und lehrreiche Tour.

Wolgang herzlichen Dank für die sichere Führung durch diese ungeahnt spannenden Tage.

Gerd Löhr