Vier Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Heute ist Gipfeltag. Der Wetterbericht hat warmes, sonniges Wetter vorhergesagt, mit Gewitterneigung am Nachmittag. Zu dieser Zeit wollen wir aber längst wieder zurück sein am Rifugio Chabod am Fuße des Gran Paradiso, des höchsten rein italienischen Berges der Alpen (4061m).

Wir sind fünf Teilnehmer des Ausbildungskurses Eis sowie Tourenführer. Gestern waren wir aus der Pfalz angereist, hatten einen Zwischenstopp an der Platte Oberbuchsiten im Baseler Jura eingelegt, um dort 5 Seillängen im IV. Grad hochzuklettern, und waren abends, im Nationalpark Gran Paradiso in Italien angekommen, 900 Höhenmeter mit vollem Gepäck zur Berghütte raufgewandert.

In dunkler Nacht verlassen wir das Rifugio und stapfen im Schein der Stirnlampen durch das Schuttgelände in Richtung Laveciau-Gletscher. Als wir dort ankommen, beginnt die Morgenröte. Es ist sehr mild, die Luft ist klar und der Fernblick geht zum Montblanc-Massiv.

Wir legen die Steigeisen an, bilden zwei Dreier-Seilschaften, nehmen den Eispickel in die Hand und stapfen den Gletscher hinauf. Der Schnee trägt gut und das Gelände ist nicht zu steil. Es geht in Serpentinen durch die Spaltenzonen hinauf auf eine Scharte zu. Doch der Weg dorthin zieht sich lang hin.

An der Scharte angekommen, öffnet sich das Panorama auch südwärts Richtung Monviso, doch es empfängt uns ein rauher Wind, der uns eine Rast verleidet. Wir folgen nun einem Kamm namens Eselsrücken. Drei Gipfel rücken in Sichtweite. Auf einer anderen Route sind viele Seilschaften dazugekommen, es herrscht nun reger Verkehr. Weil wir bisher auf der Schattenseite des Berges unterwegs waren, erreicht uns erst hier das gleißende Licht der Sonne.

Wir steuern auf drei Gipfeltürme zu, doch wo ist der höchste Punkt? Der erste Turm sieht am höchsten aus, aber alle Seilschaften ziehen achtlos an ihm vorbei. Der zweite Turm trägt eine Madonnenstatue, und auf dem schmalen Grat, der zu ihm hinzieht, drängeln sich die Menschenmassen. Das scheint der Gipfel zu sein. Tatsächlich aber ist der letzte Turm der Hauptgipfel. Er trägt zwar kein Gipfelkreuz o. ä., und der Weg zu ihm erfordert eine wenig einladende Querung sowie ausgesetzte Kletterei im II. Grad mit Steigeisen, doch de facto ist hier offiziell der höchste Punkt. Das weiß aber die Menschentraube an der Madonna nicht, und so sind wir hier oben angekommen ganz alleine.

Wir haben eine sehr schöne Rundumsicht bei klarem Himmel. Der Blick geht rundum von den Seealpen über das Montblanc-Gebiet zu den Walliser Viertausendern, die man diesmal alle „von hinten“ sieht.

Wir geben den Versuch auf, auch noch den Madonnengipfel zu erreichen. Das Menschengedränge auf dem Grat davor ist nervig und gefährlich: auf- und absteigende Seilschaften blockieren sich gegenseitig und verheddern sich ineinander. Als seilfrei Gehender muß man aufpassen, nicht unabsichtlich die steile Nordostwand heruntergeschubst zu werden. Ohnehin drängt die Zeit. Wir wollen vor dem Durchweichen des Schnees wieder zurück auf der Hütte sein.

Wir treten also den Rückweg auf selber Strecke an. Tatsächlich wird der Schnee zunehmend weicher, aber wir werden pünktlich zurück auf der Hütte sein.

Morgen praktizieren wir dann trainingshalber ausgiebig auf dem Laveciau-Gletscher die Kameradenrettung sowie die Selbstrettung aus der Gletscherspalte. Übermorgen fahren wir heim und sinnieren bereits über die nächsten Gipfelziele…..

Jörg Herzog