Dreiländerspitze (3.197m) Nordwestflanke und oberer Westgrat

Der Tag begann mit Schmuddelwetter. Um die Hütte lag nasser Schnee, der Himmel war von dunklen Wolken verhangen. Nach einigem Zögern fanden sich Pio, Horst, Rainer und ich zusammen, um die stickige Hütte zu verlassen und durch den Schneematsch in den Nebel hinein zu stapfen.

Erster Anlaufpunkt sollte der Vermuntpass (2798m) über dem Vermuntgletscher sein. Große Erwartungen an den Tag waren nicht gegeben. Im Schutt unterhalb des Gletschers stöberten wir ein paar Schneehühner auf. Der Vermuntpass war bald erreicht. Pio und Horst gingen über den Westgrat zum Piz Mon (2982m) weiter, Rainer und ich querten über den Vermuntgletscher mit dem nächsten Ziel Ochsenscharte. Es war immernoch neblig, die einzelnen Geländeformen waren nur schemenhaft zu erkennen. Wir orientierten uns, indem wir mithilfe des Höhenmessers eine gleichbleibende Höhe hielten und am Gletscherhang entlang liefen. Auf diese Art musste man am gegenüberliegenden Gletscherrand auf die direkte Aufstiegsroute von der Hütte zur Ochsenscharte treffen. So war es auch.

An der Ochsenscharte rissen die Wolken etwas auf und man sah erstmalig einen Gipfel: die Dreiländerspitze. Wir beschlossen, deren Nordwestflanke anzugehen. Dann trafen wir Joachim, Gerhard, Steffi, David und Christian. Gemeinsam stiegen wir die sich bis auf gut 35° aufsteilende Nordwestflanke an, um den oberen Westgrat zu erreichen. Am oberen Ende der Flanke trennten uns nur noch wenige Meter eingeschneites Felsgelände vom Grat, dessen Überwindung sich aber als anspruchvollster Teil unserer Unternehmung herausstellen sollte. Beherzt stiegen Rainer und ich, von nun an wieder ohne die anderen, weiter.

Die Sonne war zwischenzeitlich herausgekommen, deren wärmende Strahlen und das sichtbar werdende Bergpanorama stachelten uns an. Mit Steigeisen an den Füßen kletterte ich über vollständig eingeschneite Rippen und Rinnen und legte nach und nach einzelne Tritte, Griffe und Stufen frei, so daß Rainer teils standplatzgesichert, teils am laufenden Seil nachsteigen konnte. So erreichten wir den Westgrat. Das Gipfelkreuz blinkte nun schon in Sichtweite in der Sonne.

Wir folgten nun, teils dicht neben der Gratschneide, teils einzelne Grattürme auf Bändern umgehend, dem Westgrat und erreichten den Vorgipfel. Die nun folgenden wenigen Meter über gut gestuften Fels hinab in eine Scharte und jenseits ausgesetzt die Gratschneide hinauf zum Gipfelkreuz waren dann ein reiner Genuß und der Sonnenschein und die Sicht auf die umliegenden Berge waren der Lohn für unsere in den Stunden zuvor gezeigte Beharrlichkeit.

Jörg Herzog